„Der Umbau der Stromwirtschaft hin zur erneuerbaren Energie ist nicht mehr aufzuhalten“

Die Frage, mit welchen Technologien die Menschheit zukünftig ihren Energiebedarf decken will, ist für die weitere globale Entwicklung zentral. Die Strategie des Responsible Investing beobachtet die globalen Zusammenhänge und technologischen Entwicklungen auch im Bereich erneuerbare Energien genau und identifiziert dabei attraktive Anlagemöglichkeiten für die Kunden von Kaiser Ritter Partner. Dazu ein Interview mit dem Managing Director des Kooperationspartners EIC Partners AG, Dr. Dominique Candrian.



Die Klimaziele der Europäischen Union sind ehrgeizig. Daraus müssten sich doch automatisch gute Gelegenheiten für Anleger in saubere Energie ergeben?
Die Antwort ist einfach ja. In diesem Kontext gibt es zwei wichtige Zielsetzungen der Europäischen Union. Bis im Jahr 2020 will die EU 20 Prozent des Energiebedarfs aus erneuerbarer Energie abdecken. Gegenüber 1990 sollen 20 Prozent der CO2-Emissionen reduziert werden. Das sind verbindliche Ziele.



Als nichtverbindliches Ziel will die Europäische Union bis zum Jahr 2050 die CO2-Emissionen um 80 Prozent reduzieren. Hochrechnungen ergeben, dass die Stromproduktion dann keine CO2-Emissionen verursachen darf. Für Anleger ist das eine gute Voraussetzung, in saubere Energien zu investieren. Was passiert dann ausserhalb der Europäischen Union?
Die Europäische Union nimmt eine Vorreiterrolle ein, die ganz klar Nachahmereffekte auslösen wird, aus drei Gründen: Der politische Wille, den die EU hier kundtut, trotz Wirtschaftskrise am Ausbau der erneuerbaren Energien festzuhalten, wird sich auf andere Länder und andere Regionen auswirken. Eine weitere gute Grundlage für neue Akteure ist – dies scheint mir sehr wichtig – dass die Europäische Union in den meisten Gegenden, vor allem auch in Deutschland, nicht prädestiniert für den Einsatz erneuerbare Energien ist. Ein Windkraftwerk in Deutschland produziert in weniger als 20 Prozent der Zeit Strom. Die Sonnenverhältnisse in Deutschland sind ungünstig, während wir in anderen Regionen der Welt von deutlich besseren Wind- und Sonnenverhältnissen ausgehen. Für andere Länder wird der Einstieg kostengünstiger dadurch, dass die natürlichen Verhältnisse besser sind. Der dritte Grund, warum diese Nachahmereffekte entstehen ist, dass durch den Ausbau der erneuerbaren Energien in Europa Skaleneffekte erzielt wurden. Die Preise für erneuerbare Energietechnologie sind deutlich gesunken; insbesondere im Bereich der Solarenergie. Davon profitieren jetzt andere Regionen.



Können Sie mit ihrem Fonds, dem EIC Renewable Energy Fund, von diesen Entwicklungen profitieren? Wie bewerten Sie die Entwicklung in den vergangenen Jahren?
Der Fonds wurde im Dezember 2006 gegründet. Wir hatten sicher ein gutes erstes Jahr 2007. 2008 war durch die Finanzkrise auch ein sehr schwieriges Jahr für erneuerbare Energien. Wir kamen mit einem tiefblauen Auge davon und hatten eine weniger schlechte Performance als andere Teilnehmer im Markt. 2009 war eine gewisse Erholung auszumachen – aber natürlich nicht in einem Ausmass, dass man hätte sagen können, das macht das Jahr 2008 wieder wett.



Es kam also wie bei anderen Titeln auch zu starken Schwankungen?
Das Jahr 2008 hat die junge Historie dieses Fonds leider in ein negatives Gesamtbild gestellt. Die erneuerbare Energie ist ein volatiles Anlagethema, das ist ganz klar. Wir sprechen hier von einer jungen Industrie, die gewissen politischen Risiken ausgesetzt ist. Mit anderen Worten: Wir haben verschiedene Umstände, die zu einer höheren Volatilität führen. Das hat sich sicher bewahrheitet, aber das wussten wir auch. Auch im Jahr 2010 haben politische Entwicklungen wie die zunehmende Staatsverschuldung oder Diskussionen um die Förderung erneuerbarer Energien den Markt stark beeinflusst.



Warum haben Sie trotz dieser Erkenntnisse sich zur Auflage des Fonds entschlossen?
Wir wollen dynamischen Investoren eine Chance geben, diversifiziert an einem Wachstumsthema teilzuhaben. Neben den Korrekturen im Jahr 2008 sehen wir jetzt gute Einstiegschancen. Die Bewertungen, die wir haben, finden wir anständig, die finden wir nicht übertrieben.



Erneuerbare Energie hat viele Facetten. Wie schwer ist es, das Investitionsthema zu fassen?
Das Thema erneuerbare Energie kann man sehr breit definieren. Wir wollen Investoren möglichst fokussiert auf das Thema erneuerbare Energie eine Anlagemöglichkeit bieten. Deshalb haben wir dieses Thema eng gefasst. Gesellschaften müssen in unserem Fonds mindestens 50 Prozent ihrer Einnahmen aus erneuerbarer Energieproduktion gewinnen, das heisst aus Solarenergie, Windenergie, Geothermie, Wasserkraft oder Wellenkraft – also wirklich ganz konkrete erneuerbare Energietechnologien. Damit sind wir strenger als andere Fondskonzepte.



Wie nähern Sie sich einem konkreten Investment?
Wir versuchen uns jedem Thema über drei Faktoren anzunähern. Das eine ist die Energiepolitik. Die ganze Energiewirtschaft ist sehr politisch. Das Zweite sind die Rohstoffpreise – das ist auch wichtig in unserem Sektor. Das Dritte ist der technologische Fortschritt. Diese drei Treiber schauen wir quartalsmässig in einer dreitägigen Sitzung vertieft an. Wir versuchen da Megatrends herauszulesen und gewichten dann die verschiedenen Anlagethemen in unserem Fond entsprechend der Ergebnisse dieser dreitägigen Sitzung.



Gibt es noch die kleinen innovativen Garagenfirmen oder bedürfen die Strukturen heute grundsätzlich industrieller Strukturen?
Die erneuerbare Energie wächst aus ihren Kinderschuhen heraus. Die Industrialisierung hat eingesetzt. Das kann man ausmachen bei Grossprojekten wie der Offshore-Windenergie, die technologisch gesehen eine riesige Herausforderung ist. Das ist kein Spiel für eine Garagenfirma. Nur ein kapitalkräftiges Unternehmen hat überhaupt eine Chance, als Lieferant für eine Offshore-Windkraftanlage in Frage zu kommen.
Ähnliches können wir im Bereich der Sonnenenergie beobachten. Die Kosten sind dermassen gesunken, dass man einfach eine gewisse Grösse haben muss, um ein Massenprodukt wie das Solarmodul in grössten Stückzahlen herzustellen. Die Eintrittskriterien sind höher gesteckt. Das ist die generelle Tendenz. Gleichzeitig haben wir natürlich in sehr vielen Bereichen Innovationen – und Innovationen entstehen ja häufig in kleineren Firmen. Wenn man jetzt mal schaut, was bei den Batterien passiert oder bei der Wellenkraft. Wir investieren zum Beispiel bei einer Firma, welche die Energie der Wellen in elektrische Energie umsetzen kann. Das ist schon eine Garagenfirma, wenn man das so will. Wenn sich diese Technologie, wie das beim Wind oder der Solarenergie der Fall ist, durchgesetzt hat, tritt natürlich die Industrialisierung früher oder später ein. Durch die Massenfertigung können die Kosten so stark sinken, dass sich die Technologien im Markt etablieren.



Solar war ja ein grosses Trendthema, auch aufgrund der massiven staatlichen Förderung einzelner Akteure. Manch kritische Beobachter sprechen von einer Blase …
Die Bewertungen und PE’s sind irgendwo zwischen 10 und 14 bezogen auf die erwarteten Gewinne 2011. Wir sind guter Dinge, dass diese Gewinne auch effektiv realisiert werden können und die Unternehmungen Wachstumspotential haben. Diese Bewertungen finden wir nicht übertrieben. Aber sie waren mal übertrieben, das stimmt schon.
Ganz klar: Die staatliche Förderung birgt natürlich das Risiko, dass das Wachstum in einem Ausmass stattfindet, das nicht nachhaltig ist. Sektoren könnten zu schnell gefördert werden und entsprechende Kapazitäten aufgebaut werden.
Für die Solarbranche rechnen wir mit einem sehr guten Jahr 2011. Es wird besser sein, als viele denken. Im Jahr 2012 wird die Nachfrage, die ja heute global zu 50 Prozent aus Deutschland kommt, deutlich zurückgehen. Es stellt sich die Frage: Wer tritt in die Fussstapfen Deutschlands. Wir sind guter Dinge, dass dies China aber auch die USA sein werden und die Branche weiter wächst.



Braucht es derzeit noch eine Wachstumslokomotive für die Solarenergie wie dies Deutschland bis heute ist, oder wird es nicht auch zu einer grundsätzlichen Verbreiterung der Nachfrage kommen – zum Beispiel durch die von Ihnen beschriebenen Skaleneffekte?
Absolut. Wenn Sie ein rationaler Hausbesitzer in der Toskana sind, sollten sie sich dazu entscheiden, ihr Dach mit Solarpanels zu bestücken. In dieser sonnenreichen Gegend können sie den Strom selbst günstiger produzieren als der Haushaltstarif des lokalen Versorgers ist. Wir sehen das in China ebenfalls. Gerade die jüngsten Ausschreibungen in bestimmten Gegenden dort deuten darauf hin, dass man – wenn überhaupt – nur in einem geringen Ausmass fördern müsste.



Sie hatten die Wellenkraft angesprochen. Dies ist ja noch nicht ein Trendthema wie Solar.
Irland will in den kommenden zehn Jahren 1500 Megawatt Offshore-Wellenkraftwerke bauen, anderthalb mal so viel wie das grösste Kernkraftwerk der Schweiz. England hat auch ein grosses Programm zur Förderung der Wellenkraft aufgelegt. Grosse Hoffnungen werden vor allem auch in Entwicklungsländer gesetzt, bei denen die besiedelten Gebiete, die Strom brauchen, in Küstennähe sind. Ich bin überzeugt, dass Wellenkraft ein Thema der Zukunft ist.



Sie haben die Entwicklungsländer angesprochen; inwiefern haben die Technologien rund um erneuerbare Energien auch eine soziale Komponente?
Ich kann das anhand eines konkreten Projektes darstellen, bei dem ich persönlich über die Firma Globeleq engagiert bin. Wir haben dort nämlich vor wenigen Wochen den Bauentscheid für das grösste Windkraftwerk Zentralamerikas gefällt. Während der mehrjährigen Projektentwicklung waren sämtliche Dimensionen der Nachhaltigkeit spür- und greifbar: Offensichtlich leistet das Projekt einen positiven Beitrag zur sauberen Stromerzeugung. Darüber hinaus werden viele Arbeitsplätze für Bau, Betrieb und Unterhalt der Anlage geschaffen. Dank des Projektes und der damit zusammenhängenden Landvermessung konnten wir zudem Kleinbauern verhelfen, offizielle Titel für das von ihnen bewirtschaftete Land zu erhalten. An unzähligen Veranstaltungen haben wir die Bevölkerung offen und ehrlich über das Projekt – auch über dessen Emissionen – informiert. Die Partizipation der betroffenen Menschen hat dazu geführt, dass die Region mit grossem Stolz der Projektrealisierung entgegenblickt. Im Umgang mit Behörden auf allen Stufen haben wir auf saubere und transparente Prozesse geachtet. Das Projekt vereint also alle drei „ESG“ Dimensionen der Nachhaltigkeit.



Welche Treiber werden in den kommenden Jahren die Energiewirtschaft beeinflussen?
Die erste Frage ist, ob die Netzinfrastruktur in dem Masse ausgebaut werden kann, wie dies der Ausbau der erneuerbaren Energien erfordert. Die zweite Frage: Welches regulatorische Regime kann den Strommarkt so lenken, dass erneuerbare Energie weiter gefördert wird, aber in einer sinnvollen Koexistenz mit der konventionelle Energie steht. Stichwörter in diesem Zusammenhang sind der Einspeisevorrang der erneuerbaren Energie und der nötige Aufbau von Regelenergiemärkten. Eine dritte Frage wird sein, wie sich die zunehmende Verlagerung der Produktion von Wind- und Sonnenenergieanlagen nach China auf die politische Diskussion im Wesen auswirkt.



Inwiefern spielt die Finanzkrise eine Rolle? Kürzungen für erneuerbare Energien werden ja in einigen Ländern, gerade auch in Europa diskutiert.
Die erneuerbaren Energien werden weiterhin ausgebaut, und zwar massiv. Das Volumen der Solarmodule hat sich 2010 gegenüber 2009 verdoppelt. Ein interessantes Signal betreffend des scheinbaren Widerspruchs von Ökologie und Ökonomie haben wir vor kurzem aus Kalifornien erhalten: Dort konnte der Souverän darüber befinden, ob die Subventionen für erneuerbare Energien eingestellt werden sollten, bis sich die Arbeitslosigkeit auf 5,5 Prozent reduziert hat. Diese Initiative wurde klar verworfen. 57 Prozent haben dieses Ansinnen abgelehnt. Ironischerweise besteht die grösste Gefahr für die erneuerbare Energie meiner Meinung nach heute in einer masslosen Förderung. Konkret: Deutschland verträgt nicht einen jährlichen Ausbau von 6000 bis 7000 Megawatt Solarenergie pro Jahr. Das macht energiewirtschaftlich keinen Sinn. Eine nachhaltige Förderung müsste den Volumenzuwachs pro Jahr in irgendeiner Form kontingentieren. Ich hoffe Sie spüren den Grundtenor meiner Antworten: Er ist sehr optimistisch. Grundsätzlich bin heute mehr denn je überzeugt, dass der Umbau der Stromwirtschaft hin zur erneuerbaren Energie nicht mehr aufzuhalten ist.

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