Ernst Ulrich von Weizsäcker: den 200-jährigen Trend der Verbilligung von Natur umkehren

In den Thesen seines aktuellen Buches Faktor 5 und in folgendem Interview nimmt Ernst Ulrich von Weizsäcker den Staat in die Pflicht, um die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für eine positive Entwicklung hin zu einer effizienteren Welt zu schaffen. Investoren, die schon heute auf Effizienz setzen, sollen dafür auch belohnt werden:

Welche Rolle kann die Finanzwirtschaft in den Thesen einnehmen, die Sie in Ihrem Buch „Faktor 5“ beschreiben?

„Die Finanzwirtschaft schaut auf den Markt, sie beeinflusst auch den Markt, aber sie versucht hauptsächlich, Trends etwas früher zu erkennen als der Rest der Welt und durch diese bessere Kenntnis Geld zu machen. Das ist völlig legitim. Wenn aber die Commodities-Märkte seit 200 Jahren eine Verminderung der Preise mit sich bringt, dann muss sich – nach ihrem eigenen Credo – die Finanzwirtschaft darauf einstellen, dass Effizienz eigentlich relativ wenig nützt. Es gibt dann immer mal wieder kurze Phasen wie Mitte der 1970er-Jahre, wo es anders ist, aber der grosse Trend ist: Wir dürfen und sollen immer mehr Rohstoffe und Energie verbrauchen. Dies ist ein Trend seit 200 Jahren. Und da zu glauben, dass die Finanzwirtschaft von sich aus die Effizienz zum zentralen Thema macht ist naiv.“

Welche Rolle weisen Sie dem einzelnen Anleger zu? Kann dieser nicht auch unterstützend wirken?

„Doch, es ist sehr gut, wenn einzelne Investoren innerhalb der Masse von Technologie- und Produktionsanbietern unterscheiden lernen, welche sind gut, welche sind weniger gut – und dann womöglich auch Risikokapital zur Verfügung stellen oder insgesamt Kapital um Innovationen im Bereich von Effizienz und erneuerbaren Energien zu erleichtern. Und ich hoffe natürlich, dass durch die Klimakrise, durch die Peak-Oil Krise, durch die Vermehrung der Menschheit, durch die Weltwasserkrise der 200-jährige absurde Trend der Verbilligung von Natur endlich umgekehrt wird – zum Teil durch den Markt, zum Teil durch den Staat; sodass dann die Einzelinvestoren und Portfoliomanager, die heute schon auf Effizienz setzen, dafür dann auch königlich belohnt werden. Aber man soll sich das nicht zu einfach vorstellen.“

Die mit der Kusnetz-Kurve beschriebene These sagt, der Weg hin zu einer sauberen und reichen Gesellschaft sei eine Phase, in der die Umwelt stark verschmutzt werde. Wie kann ein Investor helfen, die Entwicklung zu mehr Wohlstand – gerade im Hinblick auf die Schwellenländer – von Umweltverschmutzung abzukoppeln?

„Es gibt immer einzelne Nischen, die heute schon sinnvoll sind, zum Beispiel wird bei Flugzeugen die lichtemmitierte Diode verwendet – weil Strom im Flugzeug doppelt so teuer ist. Da muss man also nicht warten, bis die ganze Gesellschaft vernünftige Preise für den Strom zahlt. Insofern ist in Nischenmärkten die LED heute schon kommerziell siegreich.

Aber ich behaupte, man darf nicht zufrieden sein mit der Nische. Man muss den gesamten Ozeandampfer umlenken. Dieses können Einzelinvestoren nicht machen. Der Ozeandampfer ist viel zu schwerfällig. Da bedarf es einer Koordination und das heisst, einer gesellschaftlichen Entscheidung und das heisst Staat. Deswegen bekämpfe ich die in den USA und Kanada und Australien – allgemein im angelsächsischen Kulturraum – dominante Idee, der Staat sei böse und sollte abgeschafft oder vermindert werden und der Markt bringe alles richtig zustande. Das ist eine falsche Ideologie, eine absurde Gesellschaftsauffassung. Wenn man erst einmal den eigentlichen Akteur tot macht und dann einen Ersatzakteur findet und sagt, der macht’s genauso gut. Das stimmt einfach nicht, das ist empirisch falsch. “

Bereits der erste Bericht an den Club of Rome hat Szenarien skizziert, die heute aktueller sind denn je. Sind sie enttäuscht, dass auch Sie diese Themen heute immer noch beschäftigen?

„Der grosse Bericht an den Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“ enthielt drei grosse Fehler. Der eine ist abstrakt mathematischer Natur. Er ist von festen, nicht variablen, mathematischen Beziehungen zwischen den verschiedenen Parametern ausgegangen. Das bedeutet ja eigentlich, dass es keine Policy- keine Technologieveränderungen und nichts gibt. Das ist natürlich massiv falsch.

Zweitens – etwas spezifischer: Er ging insbesondere von einer festen Beziehung zwischen Umsatz (Wirtschaftsvolumen) also Bruttosozialprodukt und Verschmutzung aus. Aus der Sich der Spät-1960er Jahre. Inzwischen haben die reichen Länder die Kusnetz-Kurve der lokalen Verschmutzung beendet und sind reich und sauber geworden. Es hat also eine Abkopplung stattgefunden, die so im ersten Bericht des Club of Rome nicht drin war.

Drittens hat er in Bezug auf die Ressourcenvorräte die Preise der 1960er und frühen 70er Jahre unterstellt unter denen die weitere Exploration nach Öl und Gas und Kupfer und was es alles gibt, relativ wenig sinnvoll war – weil die Preise lächerlich niedrig waren. Und erst durch die Ölkrise ist dann das Preisniveau nach oben gegangen an den Märkten. Dies hat dann zu einer gigantischen zusätzlichen Exploration geführt und plötzlich war sehr viel mehr da. Insofern hat man sich in der Zeitschiene um ungefähr 50 Jahre getäuscht. Und dies wirft man heute noch dem Club of Rome vor.

Ich darf nicht darüber enttäuscht sein, dass so ein massiv falscher Bericht nicht das richtige Gehöhr gefunden hat. Der Kern von „Grenzen des Wachstums“ ist natürlich richtig und der ist weiterhin richtig. Und die heutige Aufgabe und das ist ein Teil der Aufgabe, die ich mir gestellt habe bei Faktor 5 war, die gleiche Herausforderung so zu formulieren, dass diese ganzen Fehler nicht gemacht werden. Da man mir so viele Lebensjahre geschenkt hat und gute Co-Autoren und gute Gespräche glaube ich dazu beitragen zu können, dass die Fragen von 1972 heute sehr viel besser beantwortet werden können. Darüber darf ich ja nicht enttäuscht sein.“

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