Herausforderung Nachhaltigkeit: Investieren in die Landwirtschaft

Das Bevölkerungswachstum und sich ändernde Ernährungsgewohnheiten steigern langfristig die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten. In Anbetracht der deutlich gesunkenen Lagerbestände wirkt sich Knappheit wie aktuell aufgrund der Dürre in den USA auch kurzfristig aus. Dieser Artikel behandelt die Anlagemöglichkeiten in die landwirtschaftliche Wertschöpfungskette und beleuchtet die Nachhaltigkeitskriterien, die dabei beachtet werden sollten.

Investments in die Landwirtschaft wecken das Interesse der Investoren, da langfristig ein Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage vorhergesagt wird. Nahrungsmittelknappheit ist aber kein neues Phänomen. Schon in der Vergangenheit kam es immer wieder zu einem Zusammentreffen kurzfristiger Preisanstiege und erhöhter Nachfrage, gefolgt von einer Nivellierung der Preise. Die Versorgung ist begrenzt: Die weltweiten Produktionszuwächse sind gesunken, Ackerland wurde teilweise durch intensive Kultivierung und Bodenerosion zerstört oder ist durch Verstädterung und Industrialisierung verschwunden. Zusätzlich limitieren die Auswirkungen des Klimawandels, zum Beispiel schwere Dürren, die Produktion.

Soziale Einflussfaktoren

Die Nachfrage folgt auch sozialen Trends, zum Beispiel das erwartete Bevölkerungswachstum oder das politische Engagement in Sachen Biotreibstoff: Seit 1999 hat sich zum Beispiel die Ethanolproduktion in den Vereinigten Staaten auf über 52 Milliarden Liter pro Jahr verzehnfacht. Momentan landet ca. 40% der Maisernte im Tank. Steigender Wohlstand und die wachsende Mittelschicht in Asien werden die Nachfrage nach Fleisch zusätzlich steigern. Das hat deutliche Auswirkungen auf die Landwirtschaft: In den vergangenen 30 Jahren ist der Fleischkonsum in China von 9 kg pro Kopf und Jahr auf mehr als 50 kg gestiegen. Zu bedenken ist dabei: Vieh benötigt für jedes produzierte Kilo Fleisch bis zu 8 kg Futter. Um dem steigenden Fleischkonsum gerecht zu werden, so Schätzungen der Vereinten Nationen, muss die Sojaproduktion als wichtigste Futterressource bis 2015 um 135 % gesteigert werden.

Darüber hinaus zeigt sich, dass die geringere Lagerhaltung vieler Agrargüter heute nicht mehr reicht, kurzfristige Produktionsausfälle auszugleichen. Dies wurde bei den jüngsten Preisschwankungen und Teuerungen in Bezug auf landwirtschaftliche Güter deutlich. Direkte Investments in landwirtschaftliche Termingeschäfte haben zu deutlicher Kritik geführt, unter anderem in Kampagnen von NGOs wie Foodwatch und Oxfam. Ethische Bedenken kamen auf, ob Spekulation die Preise von Nahrungsmitteln in die Höhe treiben könnte und so Hunger und Unruhen auf der ganzen Welt befördern könnte. „Spekulation kann die Auswirkungen tatsächlicher Schocks vergrössern und selbst eine kleine Erhöhung der Preise kann für die Ärmsten ernsthafte Konsequenzen haben,“ so Sumiter Singh Broca vom Welternährungsprogramm der UN FAO. Seit Frühjahr 2012 verzichten deshalb einige deutsche Grossbanken auf Investments in grundlegende Nahrungsmittel wie Weizen und Mais oder streichen landwirtschaftliche Produkte aus ihrem Commodity Index Fund. Diese Reaktion geht auf die Kritik aktiver Shareholder zurück, wie sie auf Jahreshauptversammlungen bei mehreren Banken laut wurde.

Investments in die Wertschöpfungskette

Neben dem direkten Engagement in landwirtschaftliche Güter kann ein Investor auch auf Aktien im Bereich der Wertschöpfungskette der Landwirtschaft setzen. Aus der Perspektive des Responsible Investing muss der gesamte Sektor seine Effizienz erhöhen, damit die steigende Bevölkerung ernährt werden kann. Investitionen in Unternehmen mit dementsprechenden Technologien und Services können einen Lösungsbeitrag im Kampf gegen die Nahrungsmittelknappheit darstellen.

Teil der Wertschöpfungskette sind grosse Farmen, Plantagen, Vieh- und Fischereibetriebe. Unternehmen, die in diesem Teil des Sektors aktiv sind produzieren Korn, Ölsaaten, Zucker, Milch, Fleisch und Fisch (aus Wildfang und Zucht) wie auch Holz. Sie profitieren als erste von steigenden Preisen landwirtschaftlicher Güter. Während der jüngsten Dürreperiode in den USA profitierten viele Farmer von den höheren Preisen. 80 Prozent der Ernteausfälle wurden hingegen von Versicherungen übernommen.

Produktionsmittel wie Saatgut, Dünger und Pflanzenschutzmittel haben in den vergangenen Jahrzehnten zur gesteigerten Effizienz der landwirtschaftlichen Produktion beigetragen. Die Verbesserung von  landwirtschaftlichen Maschinen verbessert die Aussaat, vermindert die Bodenverdichtung und vermindert Verluste während der Ernte. Die Fähigkeit von Schädlingen, Resistenzen zu entwickeln, hat die chemische Industrie zur Entwicklung neuer Schädlingsbekämpfungsmittel veranlasst. Gerade in Zeiten steigender regulatorischer Anforderungen und kritischer Konsumenten ergeben sich Marktchancen für integrierte Konzepte oder den Einsatz von biologischen Düngemitteln.

“Die Beachtung von Nachhaltigkeitsfaktoren ist essentiell, auch aus wirtschaftlicher Perspektive.”

Weiterverarbeitung und Logistik

Weiterverarbeitende Industrie und Logistikunternehmen sind direkte Abnehmer von landwirtschaftlichen Gütern. Sie agieren gewöhnlich weltweit und spezialisieren sich auf spezielle Produkte, Regionen oder Handelsrouten. Die steigenden Schwankungen bei den Ernteerträgen werden die Transporte zwischen Gegenden mit Überversorgung und anderen mit knappen Ressourcen intensivieren.

Die Reduzierung von Verlusten in der Wertschöpfungskette ist ebenso wichtig wie die Erhöhung der Produktion. In Regionen mit wärmerem Klima wie Asien verdirbt bis zu 25% des frischen Gemüses zwischen Produktion und Verbraucher aufgrund von Lücken in der Kühlkette. Eine Reduzierung dieses Ausschusses macht nicht nur aus wirtschaftlicher Perspektive Sinn sondern kann auch bedeutende ökologische und soziale Vorteile haben.

Neben Clustern im Bereich der landwirtschaftlichen Produktion und Zulieferern, investieren Agro-Business-Fonds auch in Unternehmen der Nahrungsmittelbranche: Nahrungsmittel-Zwischenprodukte wie auch Verarbeitungs- und Produktionsbetriebe. Einige Fonds beziehen sogar den Endhandel, Restaurants und andere Dienstleister wie Verpackungsunternehmen mit ein. Diese Breite der Wertschöpfungskette ermöglicht ein aktives Management zwischen den Clustern, je nach Marktsituation: In Zeiten mit hohen Rohstoffpreisen verspricht das Upstream-Segment höhere Gewinne während in Zeiten der Risikoaversion Nahrungsmittel-Unternehmen im Downstream-Segment defensivere Gewinne liefern.

“Fond Manager, die ESG-Faktoren berücksichtigen, können Probleme erkennen, bevor sich diese auf den Aktienpreis auswirken.”

Da die Landwirtschaft unmittelbare Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft hat, sind diesbezügliche Erwägungen auch aus Business-Perspektive relevant: Der sehr hohe Gebrauch von Düngemitteln hat zum Beispiel bereits Land geschädigt oder landwirtschaftliche Erträge vermindert. Der übermässige Wasserverbrauch hat einen fallenden Grundwasserspiegel und die Versalzung von Böden nach sich gezogen. Aus diesem Grunde sollten Investoren für ihre Fond Manager Nachhaltigkeitskriterien einführen, auch wenn diese ihre Fonds nicht ausdrücklich als nachhaltig klassifizieren.

Streitpunkt: Gentechnik in der Landwirtschaft

Die Verwendung von genmanipuliertem Saatgut hat eine kontroverse Debatte über deren Vor- und Nachteile ausgelöst: Die Modifizierung des Erbguts kann die Produktivität oder Schädlingsresistenz erhöhen. Sie kann den Wasserbedarf von Pflanzen senken und so die Widerstandsfähigkeit bei Dürre verbessern und Erträge erhöhen. Gesundheitliche Aspekte, die erhöhte Verwendung von Pestiziden oder die Abhängigkeit von Bauern in Entwicklungsländern von Saatgutproduzenten durch „Terminator Technology“ sind Themen, die insbesondere in Europa kontrovers diskutiert werden.

Andererseits konnte zum Beispiel das nationale Wissenschaftsprogramm (NRP 59) der Schweiz keine gesundheitlichen oder ökologischen Risiken in Bezug auf grüne Gentechnik feststellen, so der Abschlussbericht vom 28. August 2012 im Auftrag des Schweizerischen Bundesamts für Landwirtschaft. Unter den derzeitigen Voraussetzungen in der Schweiz sieht das NRP 59 moderate ökonomische Vorteile, wenn Pflanzen mit kombinierten Charakteristika, wie Herbizid- und Krankheitsresistenzen, verwendet werden.

Investitionsobjekt Forstwirtschaft

Da die Abholzung von Wäldern ernsthafte Umweltprobleme nach sich zieht, sollten Investoren nach Unternehmen mit zertifiziertem Waldland oder zertifizierter Überwachungskette suchen. Palmölplantagen werden häufig scharf kritisiert, weil sie die Zerstörung des Regenwaldes beschleunigen. Deshalb sind Unternehmen, die am Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl teilnehmen, die bessere Wahl.  Bei Betrieben mit Viehzucht sollte der Tierschutz berücksichtigt werden, ebenso die Verwendung von zweifelhaften Pestiziden und die Anwendung von Richtlinien für die nachhaltige Fischzucht, um grössere Streitigkeiten zu vermeiden. Fondmanager, die Unternehmen nach ökologischen und sozialen Risikofaktoren bewerten und öffentliche Medien und NGOs beobachten, können Probleme schneller erkennen, noch bevor sie Auswirkungen auf den Aktienkurs haben.

Dr. Ingeborg Schumacher ist Director of Responsible Investing bei Kaiser Partner.

Quellen:

SAM Agrobusiness Study 09/2012
RepRisk Insight Issue #02: Food & Beverage

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