„In der Finanzwirtschaft geht es um Beziehungen, nicht um Transaktionen“

Mit diesen Worten verdeutlichte Professor Paul Dembinski beim Finanzethik-Kongress „Finethikon 2012“, dass das Finanzwesen nicht von Zahlen allein lebt. Neben dem Initiator des Genfer Observatoire de la Finance versammelten sich an der Hochschule für Wirtschaft in Zürich Ende Oktober weitere Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, um über „Vertrauen und Verantwortung in der Finanzwirtschaft“ zu debattieren.  Ein Förderer der Veranstaltung  war der Liechtensteiner Wealth Manager Kaiser Partner.

Die Finanzkrise von 2008 ist auch eine Vertrauenskrise, so die einhellige Meinung der Fachleute. Das verdeutlichen  zum Beispiel Schlagzeilen über Spekulationsverluste in Milliardenhöhe, Zinsmanipulationen oder die fehlende Unabhängigkeit von Kundenberatern. Das Finanzsystem werde dadurch in der Öffentlichkeit negativ wahrgenommen.

„Too big to fail“

Nach Meinung vieler Referenten kümmern sich gerade die grossen Banken immer weniger darum, Liquidität für die Wirtschaft zu sichern und bedarfsorientierte Beratung zu Geldanlagen zu bieten. Vielmehr würden sie sich immer häufiger riskanten Geschäften widmen. Die hätten für die Allgemeinheit keinen Nutzen oder brächten neue Risiken ins System: spekulative Investments und High Frequency Trading wurden hier als Beispiele angeführt.

Die Schweizer Grossbanken, so Alt-Nationalrat Rudolf Strahm, seien so gross, dass der Staat den Konkurs eines dieser Unternehmen zum Schutze des Wirtschaftssystems verhindern müsse. Zur Verdeutlichung nannte er folgende Zahlen: Die Bilanzsumme der UBS belaufe sich auf das Dreifache des Schweizer Buttoinlandproduktes (BIP), die Credit Suisse käme immerhin auf das Doppelte des BIP. Im Vergleich dazu entspräche die Bilanzsumme aller amerikanischen Banken gerade einmal dem BIP der USA.  Das Bewusstsein für die systemische Bedeutung dieses Sektors gerade in der Schweiz würde der Haltung Vorschub leisten, dass etwaige Verluste von der Allgemeinheit getragen würden. Diese Banken – so ein Vorwurf – gingen dadurch zu hohe Risiken ein.

Strukturelle Defizite und steigende Komplexität

Weiterer Nährboden für unethisches Handeln im Finanzsystem sind nach Ansicht von Thierry Philipponnat von Finance Watch Brüssel einerseits Strukturen ohne klare Verantwortlichkeiten und andererseits Strukturen, denen Interessenkonflikte inne wohnen. Darüber hinaus habe die steigende Komplexität im System negative Effekte: Kaum ein Bankkunde verstünde, welche Risiken er eingehe, so zum Beispiel Professor Birger Pridat von der Universität Witten/Herdecke. Wenn nur wenige Experten Risiken korrekt bewerten können, gab Professor Marc Chesney von der Universität Zürich zu bedenken, hätten sie Möglichkeiten, unentdeckt zu manipulieren.

Regulierung die Lösung?

Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaftler und Politiker forderten gleichermassen, dass die Reduzierung der Komplexität durch vereinfachte Regelungen ein Weg sei, um für transparentere und somit vertrauenswürdigere Verhältnisse zu sorgen. Einen radikalen Neuanfang forderte Bischof Justin Welby, Mitglied des britischen Oberhauses. Er sieht das Finanzsystem so angeschlagen, dass neue Regeln auf Basis ethischer Vorgaben besser wären als viele Detailänderungen. Diese Regelungen sollten im Dialog mit den Regulierten entstehen. Die Finanzbranche sollte sich in diesem Prozess aktiv darum bemühen, Vertrauen wiederherzustellen, um ein sinnvolles Rahmenwerk mitzugestalten.

Professor Falkinger sieht jedoch die Aufgabe der Politik auch darin, das Segment der Hochrisikoprodukte zu unterbinden, Professor Marc Chesney sieht beispielsweise einen Bedarf im Bereich High Frequency Tradings. Ausserdem stellte er zur Debatte, inwiefern Weisungen, die durch hunderte Seiten Ausnahmeregelungen ergänzt wurden, überhaupt noch Sinn machen könnten.

Massnahmen zum Schutz der Bankkunden

Zur Verbesserung der Beratung appellierte Professor Josef Falkinger von der Universität Zürich dafür, dass Kundenberater nur Produkte verkaufen sollten, deren Wirkungen und Nebenwirkungen sie komplett verstünden. Anders herum sollten Finanzprodukte grundsätzlich – so Konsens in einem Workshop des Kongresses – übersichtlich, transparent und volkswirtschaftlich sinnvoll sein. Das Sparkapital solle dann möglichst produktiv in der Realwirtschaft eingesetzt werden.

Professor Marc Chesney plädierte für eine Redimensionierung von Derivaten. Momentan dient nur ein kleiner Anteil der Absicherung, stattdessen erzeugen Spekulation und Arbitrage Systemrisiken. Derivate sollten nur einen kleinen Teil des BIP repräsentieren, nicht das zwölffache Volumen des BIP aufweisen. Er sieht eine Lösung darin, einen Zertifizierungsprozess für Derivative einzuführen. Damit die Kunden von Grossbanken nicht für die Spekulationsverluste der Investment-Sparten dieser Banken aufkommen müssten, schlugen mehrere Experten die Abtrennung des Investment Bankings vom klassischen Banking vor.

Normative Komponente

Trotz all dieser Massnahmen kann für Charles Pictet auch in Zukunft Missbrauch im Finanzsystem nicht gänzlich ausgeschlossen werden. Letztlich sei dies auch eine Frage der Erziehung jedes Einzelnen, gab der ehemalige Privatbanquier und Verwaltungsrat der FINMA zu bedenken. Dabei ist der Vorteil für alle klar: Je ausgeprägter die kollektive Ethik, je besser ist die gesellschaftliche Zusammenarbeit. Hier sieht er jedoch ein Defizit: Die Schweiz habe es nie geschafft, das „Haus selbst in Ordnung zu bringen.“ Auch Rudolf Strahm kritisiert die Schweizer Politik: Banker, die jahrelang das Bankgeheimnis gefordert haben, wollen jetzt Daten von Kunden und Beratern ans Auslands liefern. Durch die bisher passive Rolle in Fragen Steuertransparenz hat man jetzt sehr viele neue Regelungen aus dem Ausland bedingungslos zu akzeptieren.

Ähnlich argumentierte Dr. Tomas Sedlacek. Seiner Meinung nach ist Wirtschaft kein natürliches Phänomen sondern Ausdruck und Teil der menschlichen Kultur. Eine rein mathematische Sicht der wirtschaftlichen Zusammenhänge greife nicht nur zu kurz, sondern berge auch Risiken. Infolgedessen gelte es die grundsätzlichen Rahmenbedingungen politisch zu gestalten. Jeder Einzelne müsse letztlich akzeptieren, dass vieles in der Wirtschaft mit unkalkulierbaren Risiken behaftet sei.
In der aktuellen Krise seien Lösungswege zwar bekannt, doch mitunter unbequem. Somit riskierten Politiker ihre Wiederwahl bei konsequenten Lösungen. Daher müssten Prioritäten definiert werden. Bisher erfolge eine klare Orientierung auf monetär fassbare Werte, wobei viele Güter keinen Preis hätten. Womöglich seien aber auch Ansätze wie das „Gross Happiness Product“ interessante Versuche, nichtmonetäre Werte als Steuerungsgrössen einzubeziehen, so Sedlacek.

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