Marktlogik als Mittel gegen unzureichender Lebensmittelversorgung „nicht angemessen“

Frau Anna Zuber beschäftigt sich in einer Dissertation derzeit mit der Frage, wie der spekulative Handel mit Grundnahrungsmittel aus ethischer Sicht zu beurteilen ist. Für den Responsible Investing Blog stand die Expertin der Universität Zürich für ein Interview zur Verfügung, nachdem das Ergebnis einer Studie zum Einfluss der Finanzspekulation auf die Agrarrohstoffmärkte überraschte: Nach der Auswertung von über 35 Forschungsarbeiten hat die Zunahme der Finanzspekulation weder zum Niveau, noch zur Volatilität der Preise für Agrarrohstoffe beigetragen, so die Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa in Halle/Deutschland.

Q: Kommt die Aussage der Studie des Leibniz-Instituts für Sie überraschend? 

Nein, diese Aussage überrascht mich nicht. Ich würde sie jedoch nicht vorbehaltslos unterstützen. Was in der Tat stimmt, ist, dass in den Studien, welche mit ökonometrischen Methoden den Kausalzusammenhang zwischen den Positionen von sogenannten Index Spekulanten (einer Gruppe von Warenterminmarktteilnehmern, die besonders in der Kritik stehen) und der Preisentwicklung untersucht haben, sich ein solcher Zusammenhang nicht nachweisen liess. Die entscheidende (und strittige) Frage ist nun aber, wie man dieses Resultat interpretieren muss. Dass sich kein kausaler Effekt nachweisen lässt kann verschiedene Gründe haben: Entweder besteht der kausale Zusammenhang in der Realität nicht, dann wäre die in der Studie der Leibniz Gesellschaft gezogene Schlussfolgerung korrekt. Es ist jedoch auch möglich, dass die angewendete Methode oder die verwendeten Daten nicht adäquat genug sind, um einen tatsächlich bestehenden Einfluss nachzuweisen. Diese Möglichkeit wird häufig übersehen, auch wenn sich entsprechende Vorbehalte in einigen Studien finden (z.B. OECD (2010), S. 38/40). Schliesslich ist es möglich, dass Spekulation sehr wohl einen Einfluss hat, jedoch der alleinige Fokus auf die spezielle Gruppe der Index Spekulanten irreführend ist. Zumindest eine Studie (Stoll et al (2009), S. 47/48) weist in diese Richtung, doch mehr Forschung ist notwendig um diese Vermutung zu erhärten.

Bei der Frage, ob die Spekulation mit Agrarrohstoffen die Volatilität verstärkt, kommen die wissenschaftlichen Studien zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Interessanterweise scheint es so zu sein, dass Spekulation die Volatilität sowohl dämpfen als auch verstärken kann. Zu klären sind hier vor allem zwei Fragen: Erstens, unter welchen Umständen Spekulation die Volatilität der Preise verstärkt (dämpft) und zweitens, ob es sich dabei um kurz-, mittel- oder langfristige Volatilität handelt. Denn nur Volatilität über grössere Zeiträume ist für die Produzenten und Konsumenten ein Problem.

Q: Was wäre Ihrer Meinung nach die angemessene Interpretation dieser Forschungsergebnisse?

Wir sollten die Resultate der ökonometrischen Studien nicht leichtfertig ignorieren, denn es ist aus wissenschaftlicher Sicht das Beste, was wir (momentan) haben – auch wenn es in vielerlei Hinsicht nicht gut genug ist um eine so wichtige Frage zu beantworten. Kritik an der Qualität dieser Studien unterstützt die Position derjenigen, die an einen kausalen Effekt glauben nur indirekt, da es nur gegenteilige Evidenz relativiert, jedoch keine positive Evidenz für ihre Position liefert. Und da die Argumentation der Spekulationskritiker zumeist auf wesentlich kruderen Methoden der Wahrheitsfindung beruht, trifft sie die entsprechende Kritik genauso. Beide Seiten sollten dementsprechend sehr vorsichtig sein, ihre Schlussfolgerungen als Gewissheiten darzustellen.

Q: Trotz dieser Entwarnung halten NGOs wie Greenpeace oder ATAC an Vorwürfen fest, dass Banken aufgrund ihrer spekulativen Terminmarktgeschäfte “Hungermacher” seien.
Warum denken Sie, dass die Kritik weiter bestehen bleibt?

Einerseits zeigt sich darin ein Vertrauensverlust gegenüber den ökonomischen Wissenschaften und ihrer Arbeitsweise. Die Tatsache, dass diese nicht in der Lage gewesen ist, das Risiko gewisser Finanzinstrumente und Geschäftspraktiken angemessen zu beurteilen, ja sogar des Öfteren Lobeshymnen auf Finanzinnovationen angestimmt hat, welche sich rückblickend als desaströs herausgestellt haben, macht diese kritische Haltung nur allzu verständlich. Die Durchführung einer Kausalitätsstudie ist jedoch etwas anderes, als das Risiko eines neuen Finanzprodukts korrekt einzuschätzen. Die entsprechenden Methoden werden seit langem erfolgreich in den verschiedensten Wissenschaften angewendet. Dies sollte uns natürlich nicht daran hindern, kritisch zu überprüfen, ob sie sich auch auf extrem volatile Preise anwenden lassen. Ein genereller Ideologieverdacht, wie ich ihn zuweilen gegenüber ökonomischen Studien wahrnehme, wäre aber eine übertriebene Reaktion.

Der zweite Grund liegt meiner Meinung nach in der Angst, dass politische Massnahmen sich nur dann rechtfertigen lassen, wenn der schädliche Einfluss der Spekulanten mit Sicherheit nachgewiesen werden kann. Dies wird von den Spekulationsbefürwortern zwar oft so dargestellt, ist meiner Ansicht nach aber falsch. Stellen Sie sich vor, dass ein Meteorit auf die Erde zusteuert, die korrekte Berechnung seiner Flugbahn jedoch so komplex ist, das es zwar möglich ist, dass er die Schweiz trifft, dies aber nicht mit Sicherheit vorausgesagt werden kann. In diesem Fall scheint es dennoch gerechtfertigt, gewisse Massnahmen zum Schutz der Bevölkerung einzuleiten.

Die Frage, ab wann Vorsichtsmassnahmen gerechtfertigt sind, ist also von der Wahrheitsfrage zu unterscheiden. Als grobe Daumenregel könnte man sagen, dass die Anforderungen an die Evidenz umso kleiner sind, je grösser der drohende Schaden ist. Das Problem beim Beispiel der Nahrungsmittelspekulation ist nun aber, dass auch die Folgen eines Verbots unsicher, aber potenziell sehr schädlich sind, sollte dieses wirklich volatilitätsverstärkend wirken. Radikale Massnahmen lassen sich also auch unter der Vorsorgelogik nicht rechtfertigen.

Q: Welche Form von Regulierung wurde bereits eingeführt bzw. welche Massnahmen wären aus Ihrer Perspektive sinnvoll, um den Einfluss der Finanzmärkte auf die Lebensmittelpreise zu reduzieren?

Aus ethischer Sicht ist es klar, dass auf Agrarrohstoffmärkten und den entsprechenden Terminbörsen eine absolute Nulltoleranz für spekulative Blasen und Trendverstärkungen jeglicher Art herrschen muss. Denn auch zu tiefe Preise können längerfristig zu einer Versorgungskatastrophe führen, da sich die Produktion und insbesondere die Investition in produktionsfördernde Massnahmen nicht mehr lohnen. Die Marktmacht einzelner Marktteilnehmer einzugrenzen(z.B. über Position Limits), wie es in den USA eingeführt wurde und in der EU zurzeit diskutiert wird, scheint deshalb eine vernünftige Massnahme zu sein. Doch auch viele kleinere Akteure können eine spekulative Blase verursachen, wenn sie sich von einer Euphorie oder einer Panik auf dem Markt mitreissen lassen. Hier lohnt es sich, die ökonomische Literatur über begünstigende respektive erschwerende Faktoren für die Blasenbildung zu konsultieren. Ein entscheidender Faktor hierfür (wie auch für Volatilität ganz generell) ist nämlich die Preiselastizität, also der Wert, der misst, wie stark sich die angebotene und nachgefragte Menge eines Gutes verändern, wenn sich der Preis verändert. Da die Produzenten auf Preisveränderungen meist nur mit grosser zeitlicher Verzögerung reagieren können (der Entscheid, wie viel von welchem Getreide angepflanzt wird fällt lange vor der Ernte), gilt das Angebot als unelastisch. Da nun auch die Konsumenten mit steigendem Einkommen weniger preissensitiv werden, gibt es gute Gründe anzunehmen, dass mit dem steigenden Durchschnittseinkommen in weiten Teilen Asiens auch die globale Nachfrage nach Agrarrohstoffen zunehmen unelastischer werden wird. Alleine deshalb ist auch zukünftig mit steigender Volatilität zu rechnen.

Eine Möglichkeit diesem Trend entgegenzuwirken ist der Einsatz von Lagern (Buffer Stocks). Diese sind meist unter staatlicher Verwaltung (oder staatlich subventionierte private Lager) und werden in Zeiten eines Angebotsüberschusses aufgefüllt und in Zeiten der Knappheit schrittweise wieder abgebaut. Dadurch haben sie eine ausgleichende Wirkung auf Angebot und Nachfrage und stabilisieren so die Preise. Da solche Lager aber ziemlich teuer sind im Unterhalt und die Marktteilnehmer zudem die Möglichkeit haben, sich auf den Warenterminmärkten gegen das Preisänderungsrisiko abzusichern, wurden die staatlichen Lager zunehmend als überflüssig erachtet. So hat beispielsweise die US Farm Bill von 1996 ein Programm zur Subventionierung von Getreidelagern (Farmer-Owned Grain Reserve) gestrichen. Auch die Lager des Bill Emerson Humanitarian Trust mit einer Kapazität von 4 Millionen Tonnen sind heute leer, da seit 1994 mehrheitlich darauf verzichtet wurde das Lager nach einem Abbau wieder aufzufüllen.

Aus individueller Sicht der Marktteilnehmer sind Warenterminkontrakte sicherlich die einfachere und kostengünstigere Methode, sich gegen Preisschwankungen abzusichern. Paradoxerweise weist jedoch vieles darauf hin, dass der dadurch erfolgte Abbau der Lagerhaltung auf Systemebene die Volatilität (und damit natürlich auch das Preisänderungsrisiko) verstärkt hat. Der Einsatz von Lagern zur Preisstabilisierung hat in letzter Zeit wieder vermehrt Aufmerksamkeit erhalten, nicht zuletzt durch entsprechende Äusserungen von Justin Lin, dem ehemaligen Chefökonomen der Weltbank und einer Initiative des International Food Policy Research Institute (IFPRI). Dieses hat als ergänzende Massnahme zu physischen Lagern die Idee eines virtuellen Lagers in die Diskussion eingebracht, welches in ähnlicher Weise auf den Warenterminmärkten eingesetzt werden könnte.

Wie diese Massnahmen in der Praxis umgesetzt werden müssten, damit sie die entsprechende preisstabilisierende Wirkung entfalten können, muss nun sorgfältig abgeklärt werden. Das gleiche gilt natürlich auch für allfällige unerwünschte Nebenwirkungen.

Q: Können Sie sich andere Ansätze vorstellen, wie vom Finanzmarkt positive Impulse auf die Lebensmittelversorgung ausgehen können?

Die Aufgabe der Lebensmittelversorgung alleine den Finanzmärkten überlassen zu wollen wäre sicherlich keine gute Idee. Gut funktionierende Finanzmärkte können wichtige Aufgaben übernehmen, aber sie funktionieren vollständig nach der Marktlogik. Diese Logik kann das Problem der unzureichenden Lebensmittelversorgung nicht angemessen lösen, da sich dahinter primär ein Problem ungleicher Einkommensverteilung versteckt. Und gerade hier wirken die Finanzmärkte tendenziell in die falsche Richtung, indem sie die Akkumulation von Kapital bei einigen wenigen Marktteilnehmern fördern.

Q: Welche anderen Massnahmen sehen Sie für eine bessere Versorgung?

Der spezielle Status von Grundnahrungsmitteln muss besser respektiert werden. Das bedeutet beispielsweise, dass diese nicht ohne weiteres als Anlageobjekt oder zur Treibstoffgewinnung verwendet werden dürfen. Die Gewährleistung der Versorgung hat klar Priorität gegenüber anderen Interessen, wie beispielsweise der Portfoliodiversifikation gewisser Anleger. Darüber hinaus wird nur eine Kombination von Massnahmen nachhaltig Wirksamkeit entfalten können, die auch das Problem der globalen Armut angemessen mit einbezieht.

 

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