Microfinance: Anlageklasse mit Dual Return

Von Kleinkrediten in Entwicklungsländern profitieren die Menschen vor Ort wie auch verantwortungsbewusste Vermögende. Diese relativ junge Anlageklasse des Microfinance erfreut sich im Vermögensmix vieler Wealth Manager hoher Beliebtheit. Kaiser Ritter Partner investiert in einen Microfinance-Fond der Liechtensteinischen Enabling Microfinance AG, der finanziellen Gewinn und „Social Return“ verbindet. Der Geschäftsführer Christoph Dreher stand Rede und Antwort.

 

Was versteht man unter Microfinance?

Microfinance ist nichts anderes als eine privat initiierte Entwicklungshilfe. Es werden Kleinstkredite in Entwicklungsländer vergeben, die dort an so genannte Mikrounternehmer weitergegeben werden – als Hilfe zur Selbsthilfe. Vor über dreissig Jahren entstanden, hat das Thema in den letzten sieben bis zehn Jahren einen Schub erfahren, unter anderem durch den Nobelpreis für Mohammad Yunus.

Grundsätzlich lassen sich Microfinance-Investoren in zwei Kategorien einteilen: Ausschliesslich sozial orientierte Anleger und Anleger, die neben der sozialen Rendite auch eine wirtschaftliche Rendite anstreben.

In welche Branchen wird hauptsächlich investiert? Gibt es bestimmte Anlagefelder?

Durchschnittlich findet die Aufteilung in ländliche und urbane Gebiete in praktisch gleichen Teilen statt. Wir versuchen hier auf einen guten Mix zu achten. Von den Branchen her lässt sich festhalten, dass Dienstleistung, Handel und Landwirtschaft die drei Haupthandlungsfelder darstellen.
Im Grunde geht es immer darum, mit einem kleinen Betrag den nächsten Schritt mit dem Unternehmen zu gehen: beispielsweise ein Gerät anschaffen um mehr produzieren zu können.

Gab es bei dieser Aufteilung eine historische Entwicklung?

Ja. Drei, vier Jahre zurück stand die Landwirtschaft im Vordergrund. Jetzt geht es immer mehr Richtung Handel und Produktion. Aber auch die Dienstleistungen gewinnen an Bedeutung. Die Verschiebung hängt auch mit den Regionen zusammen, in die investiert wird: Südamerika oder Mittelamerika sind einfach weiter entwickelt, insbesondere beim Handel ist dies erkennbar, hier ist auch die Wertschöpfung viel höher.

Microfinance hat in den letzten Jahren einen Boom erlebt. Es wurde als Wundermittel gegen Armut in den Entwicklungsländern propagiert.

Der Boom hat mit dem Friedensnobelpreis 2006/2007 für Mohammad Yunus begonnen. Seither ist das Volumen um über vierzig Prozent gewachsen. Die Microfinance-Kredite, die weltweit vergeben werden, haben ein Volumen von 65 Milliarden US-Dollar. In den letzten Jahren gab es auch mehrere Initial Public Offerings, somit hat das Wachstum den Sektor stark kommerzialisiert, mit entsprechenden Vor- und Nachteilen.
Die Begeisterung bei privaten und institutionellen Investoren bezog sich auch auf die finanzielle Stabilität. Wie hat sich diese in der Finanzkrise entwickelt?

Die angesprochene Begeisterung beruht auf den Korrelationseigenschaften. Man hat Microfinance für die Portfolio-Diversifikation entdeckt. Als Anlageklasse hat es eine sehr niedrige Korrelation zu traditionellen Anlageklassen wie Aktien, Anleihen und so weiter.

Wie hat sich die Stabilität in der Finanzkrise entwickelt?

Im Rahmen der Finanzmarktkrise hat sich Microfinance insgesamt betrachtet stabil gehalten. Da die Kredite meist über einen Laufzeit von zwei Jahren vergeben werden und es keinen Sekundärmarkt gibt, konnten jedoch zeitlich verzögerte Probleme festgestellt  werden. Wir haben jetzt im Jahr 2010 kleine Auswirkungen gesehen, das bedeutet Rückstellungen und verminderte Fond-Performance. Aber generell hat der Microfinance-Sektor sich gut an die herausfordernden Rahmenbedingungen angepasst.

Konnte man nicht auch sehen, dass während der Finanzkrise die Korrelation zu den anderen Anlageklassen gestiegen ist?

Zuerst ist zu erwähnen, dass die Korrelation zu den meisten übrigen Anlageklasen nach wie vor relativ niedrig ist. In einer neuen Untersuchung konnten wir ab Mitte 2008 jedoch einen Anstieg der Korrelation feststellen. Dies ist allgemein ein Trend an den Märkten, dennoch ist das Diversifikationspotential zu konventionellen Anlagen immer noch relativ hoch. Damit macht eine Beimischung von Microfinance-Anlagen in ein konventionelles Portfolio weiterhin Sinn.

Welche Effekte haben dabei eine Rolle gespielt?

Hierzu sind unter anderemdie BRIC-Staaten zu erwähnen. Insbesondere Brasilien und Mittelamerika sind abhängig

von der Weltwirtschaft. So ist beispielsweise auch in Mexico die Korrelation weiterhin hoch, da enge volkswirtschaftliche Verknüpfungen zu den USA bestehen. Entsprechend konzentrieren sich viele Fonds auf das so genannte „Country Picking“. Früher relativ uninteressante Länder wie zum Beispiel Aserbaidschan rücken jetzt verstärkt in den Fokus.

Inwiefern liegt in den grossen Geldzuflüssen nicht die Gefahr einer Blasenbildung?

Ja, ich glaube, in einigen Ländern ist definitiv eine Überhitzung da. Es ist die Aufgabe des Fonds-Managements, damit umzugehen, Kritik zu üben und nicht einfach Geld blind anzunehmen. Wenn ein Fondsprodukt Gelder nicht mehr entsprechend der Strategie platzieren kann, schadet es allen – nicht nur dem Markt, sondern auch dem Investor. Die Kombination von hohem Investoreninteresse und geringem Refinanzierungsbedarf von Seiten der MFIs führte auch zur Situation, dass teilweise Fonds die Zeichnungsmöglichkeit für Investoren für einen gewissen Zeitraum aussetzten.

Wo kam es besonders zu Problemen?

Bosnien-Herzegowina, Mexiko und Indien – und teilweise in südostasiatischen Ländern.

Sind das ähnliche Entwicklungen in diesen Ländern?

Nein, das muss man differenziert sehen. In Bosnien-Herzegowina konnten die Microfinance-Institute (MFI) oft nicht mit dem Wachstum umgehen und das Management nicht entsprechend weiterbilden. Ganz wichtig ist: Es fanden bei diesen Finanzinstituten kein oder nur ein mangelndes Risikomanagement statt.

So wurden Kredite ohne Prüfung vergeben. Es fand teilweise auch ein „Mission Drift“ zu Konsumkrediten statt, zum Beispiel für einen Fernseher. Dies ist nicht im Sinne von Microfinance. Der Markt hatte sich überhitzt, die Ausfallsquoten sind nun in gewissen Gebieten erhöht. In Bosnien mussten beispielsweise daraufhin Restrukturierungsmassnahmen eingeleitet werden.

Indien ist seit November letzten Jahres wegen der hohen Selbstmordrate in der Region Andhra Pradesh in den Schlagzeilen. Das Gebiet gehört zu den ärmsten Regionen in Indien. Die Selbstmordrate lag 80 Prozent über dem Landesschnitt: Insbesondere die  Kritik an Microfinance per se ist dabei nur teilweise nachvollziehbar, da nur wenige der Betroffenen Microfinance-Kunden waren, die in Verzug waren.

Und doch: In Indien schossen Microfinancing-Institute wie Pilze aus dem Boden. Kredite wurden ohne Kontrolle vergeben und zwar mehrfach, unter anderem auch für Konsumkredite. Es gab keine Stelle, welche wie bei uns als zentrale Kreditauskunft agierte. Verantwortlich dafür waren vor allem kleine lokale Anbieter. Schliesslich schritt die Nationalbank ein.

Ein zweiter Kritikpunkt bezieht sich auf Microfinance-Insurance-Lösungen. Das Problem war, dass bei vielen Selbstmorden zuvor Mikroversicherungen abgeschlossen worden waren. Menschen haben sich umgebracht, damit sich die Familien von den Schulden freikaufen konnten – ein sehr zynischer Zusammenhang, der so eigentlich nicht gedacht war: Insbesondere, da dies z.T. in den Polizzen nicht ausgeschlossen war. Diese Vorgänge wurden in Indien dann auch sehr stark politisiert und ausgenutzt.  Auch in Nachbarländern reagiert bei Microfinance oft die Politik mit. Mohammad Yunus wurde durch  die Premierministerin von Banghladesh abgesetzt, da er versuchte, eine politische Partei zu gründen. Als Fonds muss man somit in diesen Ländern sehr vorsichtig und gründlich beim Due Diligence Process sein.

Grund für Kritik boten zum Beispiel die hohen Zinsen.

Die Kreditzinsen in Höhe von 30 Prozent mögen sehr hoch erscheinen. Doch müssen die Kreditnehmer vor Ort bei Kredithaien dagegen über hundert Prozent zahlen. Desweiteren muss man wissen, dass zwei Drittel davon in die Deckung der Verwaltungsgebühren der Microfinance-Institute geht. Sie übernehmen oft ein Coaching der Gewerbetreibenden und haben gerade in ländlichen Gebieten lange Anfahrtswege. Dazu kommt, dass die Rückzahlungen fast immer auf wöchentlicher Basis stattfinden. Nur ein Drittel bleibt dann zur Refinanzierung am Kapitalmarkt übrig. Die Zinssätze können von Gewerbetreibenden vor Ort aber tatsächlich erwirtschaftet werden.

Gab es daraufhin auch bei Ihnen Grund zum Rejustieren?

Wir haben schon immer eine sehr selektive Kreditvergabe gemacht. Dabei interessieren uns nicht nur die Finanzen, sondern auch die Social-Performance-Überlegungen. Wir legen sehr grossen Wert darauf, dass bei uns Gewerbekredite im Vordergrund stehen, keine Konsumkredite. Denn Konsumkredite führen zu Armut. Wir wählen unsere Partner dementsprechend aus und jedes MFI wird mindestens einmal jährlich besucht. Daraufhin wird uns ein entsprechender Bericht vorgelegt.

Die hohe Sicherheit der Rückzahlung, für die Microfinance bekannt war, hat nun natürlich gelitten?

Die Ausfallquote liegt bei Microfinance im Durchschnitt bei 2,2 Prozent. In der Tat ist der Schnitt bei den Ausfällen leicht gestiegen. In Ländern jedoch, die nicht so sehr von der Überhitzung des Marktes betroffen sind, ist die Ausfallquote immer noch um die zwei Prozent und darunter. Westliche Banken und Kreditkartenkunden in den USA haben eine mangelnde Rückzahlungsmoral von über 8 Prozent.

Welche Möglichkeiten gibt es für einen Fond, gegenzusteuern?

Unser Fond ist zum Beispiel bewusst nicht in Indien investiert, da wir schon vor zwei Jahren eine Überhitzung im Markt gesehen haben. Zudem geht es um die konsequente Umsetzung eigener Richtlinien. So lief beispielsweise im März letzten Jahres in Mexiko ein Investment aus. Im Februar war das Microfinance-Institut aber von einer kommerziellen Bank übernommen worden und deswegen wurde das Investment nicht verlängert. Der Grund: Die kommerzielle Bank konnte unsere Reglementarien nicht erfüllen.

Welche Trends gibt es nun in Sachen Microfinance?

Es gibt zwei grosse Trends: Microfinance Investment Vehicle beteiligen sich vermehrt mit Eigenkapital an entsprechenden Microfinance-Instituten und übernehmen einen Teil des Risikos. Man versucht gezielt, den Wert des Unternehmens nachhaltig zu steigern.

Das Zweite: Bisher wurden Kredite in Hartwährungen wie US-Dollar oder Euro vergeben. Das hat für die Microfinance-Institute vor Ort bedeutet, dass sie ein Währungsrisiko hatten. Fonds  offerieren nun immer mehr Kredite in Lokalwährungen, zum Beispiel in Mexikanischen Pesos oder Jordanischem Dinar. Sie übernehmen bewusst das Währungsrisiko, um dem Microfinance Institut ein entsprechendes Risikomanagement zu ermöglichen und dieses zu entlasten.  In Folge steigt natürlich auf der Fondsseite das Bedürfnis nach Hedging-Lösungen.

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