Neue Studien: Volumen nachhaltiger Geldanlagen wächst – Breite nimmt zu

Aktuelle Marktstudien des Eurosif (European Sustainable Investment Forum) und des Forums Nachhaltige Geldanlagen haben den Wachstumstrend nachhaltiger Anlagen bestätigt. Gleichzeitig zeigt ein detaillierter Blick, dass der Markt vielfältiger wird. Private und institutionelle Investoren können aus einem breiten Spektrum in verschiedenen Anlagekategorien wählen, wie sich nachhaltig investieren. Kulturelle und regulatorische Unterschiede führen zu sehr unterschiedlichen Marktausprägungen innerhalb Europas.

Eurosif hat aufgrund der dynamischen Marktentwicklung im Vorfeld der Studie die Erhebungsmethodik aktualisiert: Während in der letzten Umfrage zwischen breit definierten Nachhaltigkeitsansätzen und enger gefassten Nachhaltigkeitsansätzen unterschieden wurde, hat man jetzt die einzelnen Strategien[1] quasi nebeneinander erfasst, wobei häufig mehrere Strategien gleichzeitig angewendet werden. Es gibt Aktienfonds, die in die nachhaltigsten Unternehmen jeder Branche investieren, dabei verschiedene ethische Ausschlusskriterien berücksichtigen und die Stimmrechte der Unternehmen wahrnehmen.

Im Gegensatz zu den letzten Studien hat Eurosif in diesem Jahr keine Gesamtsumme für das Volumen nachhaltiger Geldanlagen veröffentlicht, um Doppelzählungen zu vermeiden.

Das grösste Volumen wird mit 3.8 Billionen EUR aufgrund meist ethisch motivierten Ausschlusskriterien verwaltet. Diese Methode stellt die älteste Strategie im Bereich nachhaltiger Geldanlagen dar und lässt sich relativ pragmatisch von Portfoliomanagern umsetzen. Am häufigsten werden Kriterien wie Rüstung oder Tabak angewendet.

Den grössten Zuwachs mit 137 Prozent erzielten im Jahr 2011 das sogenannte  normbasierte Screening: Eurosif hat evaluiert, dass Vermögensverwalter in einer Grössenordnung von 50% aller verwalteten Gelder in Europa Richtlinien erarbeitet haben, die den Ausschluss von Firmen in bestimmten kontroversen Waffentypen fordern. In Deutschland haben grosse Investmenthäuser wie die Allianz Global Investors, Deka oder DWS die Aktien von Herstellern von Streubomben oder Anti-Personen-Landminen für ihre Publikumsfonds gesperrt. Diese Massnahme wurde von Initiativen wie den Principles for Responsible Investing forciert: Immer mehr grosse Investmenthäuser sowie institutionelle Investoren sind sensibilisiert, dass sie als Investoren ihre Verantwortung wahrnehmen müssen. Die Anwendung von Mindeststandards ist somit schon breit verankert.

Auch die breite Integration von ökologischen, sozialen und Corporate Governance (ESG) Kriterien in das Asset Management hat an Bedeutung zugenommen, über 3 Billionen EUR professionell gemanagter Gelder werden unter Berücksichtigung dieser ESG-Kriterien verwaltet. Bei diesem Ansatz stehen vor allem die finanziellen Auswirkungen im Vordergrund, während Ausschlusskriterien primär aus ethischen Motiven angewendet werden. Die Ausübung von Stimmrechten wird ebenfalls von grossen Portfolios getragen: Die Portfoliomanager von knapp 2 Billionen EUR nehmen ihre Rechte als Aktionär aktiv wahr oder treten mit Unternehmen in einen kontroversen Dialog zu Problemen der Unternehmen im Bereich Umwelt, Gesellschaft oder ihrer Corporate Governance. Der Vorteil dieser Strategien liegt auch darin, dass diese Strategien auch als „Overlay“ über bestehende konventionelle Portfolios gelegt werden können. Bei Anlagestrategien wie dem Best-in-class Ansatz oder nachhaltigen Themenfonds wird dagegen das Portfolio in nachhaltige Branchenführer oder Firmen mit meist ökologischen Produkten investiert. Diese spezialisierten Segmente haben auch stark zugelegt (um die 40%), sind jedoch vom absoluten Volumen kleiner.

Zum ersten Mal hat Eurosif auch das Segment der Impact Investments mit einem Volumen von 8.75 Milliarden EUR. Hierin wird das zunehmende Interesse der Investoren deutlich, mit meist direkt investierten Projekten positive soziale und ökologische Impulse zu setzen.

Marktstudie für Deutschland, Österreich und die Schweiz erhebt über 100 Milliarden EUR

Der Marktbericht Nachhaltige Geldanlagen für den deutschsprachigen Raum hat dagegen auch aggregierte Zahlen präsentiert: Ende 2011 wurden in Deutschland, Österreich und der Schweiz 103.5 Milliarden EUR verwaltet, dies entspricht einem Marktwachstum von knapp zehn Prozent im Vergleich zu 2009. Neben 60.6 Milliarden EUR in Publikumsfonds und Mandaten spielen auch Kunden und Eigenanlagen von Spezialbanken mit Nachhaltigkeitsfokus eine wichtige Rolle. Zusätzlich wird bei über 1055 Milliarden EUR ein normbasiertes Screening durchgeführt, dies erfolgt v.a. durch den Ausschluss von Streubomben.

Zwischen den Ländern sind auch unterschiedliche Trends erkennbar: in Österreich und der Schweiz hat der Anteil von Obligationen in den Portfolios markant zugenommen, in Deutschland haben vor allem alternative Anlagen wie Direktbeteiligungen und nachhaltige Immobilien geboomt. In Deutschland hat das Segment geschlossener Fonds neben dem Bereich erneuerbarer Energien zunehmend auch für grüne Immobilien starkes Anlegerinteresse geweckt. Auf Investorenseite ist vor allem das gewachsene Interesse institutioneller Investoren in Deutschland deutlich geworden. Die Asset Manager rechnen daher auch in den nächsten Jahren mit einem starken Marktwachstum, als wichtige Triebfeder gilt die Nachfrage institutioneller Investoren.

Was bedeutet diese Marktstudie für die Anleger und Banken?

Anleger gewinnen immer mehr Facetten, wie sie bei der Geldanlage auch persönliche Werte berücksichtigen können. Die steigende Anzahl an Akteuren bzw. Anbietern, Produkten in alternativen Anlageklassen oder ein breites Spektrum mit eher ethisch fokussierten oder stärker finanziell attraktiven Ansätzen bietet Wahlfreiheit. Gleichzeitig kann die Vielfalt zur Verwirrung beitragen, da es immer schwierig wird, eine übergreifende Definition nachhaltiger Geldanlagen zu finden. Daher sind Marktakteure zur Schaffung von Transparenz gefordert. Kompetente Finanzintermediäre können ihre Kunden unterstützen, das passende Produkt zu finden. Gleichzeitig werden unabhängige Qualitätslabels zur schnellen Orientierung zur Wahrung der Glaubwürdigkeit erarbeitet.


[1] Folgende Strategien werden erfasst: Normbasiertes Screening, Best-in-Class, Nachhaltige Themenfonds, Ausschlüsse, ESG Integration, Engagement, Stimmrechtsausübung, Impact Investment.

 

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