Staatsanleihen: Bewertung im Sinne des Responsible Investing kommt voran

Von Dr. Ingeborg Schumacher-Hummel, Responsible Investing, Kaiser Partner.

Kaiser Partner hat die Bondanalyse bereits seit mehreren Jahren mit zusätzlichen Informationsquellen ergänzt. Neben den klassischen Ratingagenturen werden die Analysen eines unabhängigen Bonitäts- und Kredit-Research-Instituts einbezogen. Zusätzlich werden die Emittenten, ob Unternehmen, supranationale Organisationen sowie Staaten durch ein detailliertes Rating der ökologischen und sozialen Performance sowie der Corporate Governance überprüft und die Auswahl der Emittenten daraufhin optimiert. Aktuelle Studien zeigen auf, dass die Anwendung von Nachhaltigkeitskriterien sich auch bei Staatsanleihen auszahlt.

Die Marktentwicklung von Responsible Investing schien lange Zeit auf Aktienmärkte fokussiert zu sein. Nach den Anfängen der primär ethisch getriebenen Entfernung von „sin stocks“ von kontroversen Unternehmen liess sich auch der „Best-in-Class-Ansatz“, die Auswahl der ökologisch und sozial besten Unternehmen einer Branche am besten im Bereich Aktien umsetzen. Die Anbieter nachhaltiger Investments konnten argumentieren, dass sie mit der Auswahl von vorausschauenden Unternehmen für die Investoren Risiken minimieren und gleichzeitig Anreize bieten, dass sich auch Akteure in kontroverse Branchen verbessern müssen, um als Investment für Portfolios zu qualifizieren.

Nicht zuletzt das verstärkte Eintreten institutioneller Investoren wie Versicherungen und Pensionskassen in den Markt hat dazu geführt, dass auch nachhaltige Varianten für defensive Anlagekategorien wie Geldmarkt oder Obligationen gefragt sind. Bei der Marktstudie des europäischen Dachverbandes Eurosif wurde für das Jahr 2009 zum ersten Mal ein höheres Volumen in Obligationen als in Aktien erhoben.

Auch Staaten nach ökologischen und sozialen Kriterien bewerten

Somit sind die Fondsmanager auch aufgefordert, neben Unternehmen auch Staaten und supranationalen Organisationen als grosse Emittenten von Obligationen einer Bewertung nach ökologischen und sozialen Kriterien zu unterziehen. Die Ansätze hierzu sind natürlich anders als bei Unternehmen, doch können die Analysten auf eine Vielzahl von öffentlich verfügbaren Informationen zurückgreifen. In der Umweltbewertung der Fondmanager der Zürcher Kantonalbank (ZKB) wird beispielsweise der Ressourcen- und Energieverbrauch, die Höhe der Treibhausgasemissionen oder die Ratifizierung nationaler Umweltabkommen berücksichtigt. Im sozialen Bereich fliessen Aspekte wie Einkommensverteilung, Arbeitslosenraten, Gesundheits- und Bildungsausgaben sowie Verstösse gegen Menschenrechte und die Todesstrafe ein.

Fondanbieter Sarasin teilt die Indikatoren in die Bereiche der Verfügbarkeit von Ressourcen sowie deren effiziente Nutzung ein. Bei der Verfügbarkeit von natürlichen, sozialen und wirtschaftlichen Ressourcen werden Parameter wie Bodenschätze, Sachkapital wie Gebäude, Maschinen und die physische Infrastruktur berücksichtigt. Zudem sind die verschiedenen Formen des Humankapitals (Wissen, Arbeit, Institutionen) sehr relevant. Da man Staatsanleihen als Gegenleistung zukünftiger Zins- und Tilgungszahlungen interpretieren kann, hängt deren Erfüllung von der Realisierbarkeit zukünftiger Steuereinnahmen ab.

Nachhaltigkeitskriterien haben sich als Indikatoren bewährt

Für die Beurteilung der langfristigen Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft hat Sarasin die Nachhaltigkeitskriterien als Frühindikatoren zur sinnvollen Ergänzung der traditionellen Kreditratings identifiziert. Sarasin konnte nachweisen, dass sich dieser Ansatz in den letzten Jahren bereits ausgezahlt hat. In Schwellenländern war die Wertentwicklung von Staatsanleihen nachhaltiger Länder klar überdurchschnittlich. Während nachhaltige Industriestaaten vor allem von der aktuellen Schuldenkrise weitgehend verschont blieben, lieferten nachhaltige Schwellenländer – mit einer kurzen und schnell wettgemachten Unterbrechung- eine seit Jahren bessere Wertentwicklung als nicht-nachhaltige Staaten aus derselben Ländergruppe. Bei den Ländern in der Schuldenkrise wurde deutlich, dass sie nicht nur über ihre finanziellen, sondern auch ihre ökologischen Verhältnisse leben: eine ineffiziente Ressourcennutzung führt zu einer insgesamt niedrigen Wettbewerbsfähigkeit, die durch eine starke Überalterung der Gesellschaft, Korruption und grosse Einkommensunterschiede in der Bevölkerung weiter geschwächt wird. Zudem wurde identifiziert, dass es bei der Relevanz der Kriterien Unterschiede gibt: Während für Industrieländer die Verschuldung, Bildung und Ökologie am wichtigsten sind, sind für Schwellenländer die Themen Ökologie, Gesundheit, Bildung und Demographie am bedeutendsten.

Auch die ZKB hat herausgefunden, dass unerfüllte ökologische und soziale Kriterien auf Kreditrisiken hindeuten, die noch nicht in den Anleihenkursen eingepreist sind. Griechenland schneidet bei der Kantonalbank z.B. aufgrund der laschen Umweltpolitik sowie einer hohen Jugendarbeitslosigkeit und geringer Unterstützung der Arbeitslosen unterdurchschnittlich ab. Die ZKB-Analysten können aufzeigen, dass nachhaltige Staaten, zumal jene mit einem ausgezeichneten Sozialrating, häufig eine gute Bonitätsnote aufweisen. In der Spitzengruppe der nachhaltigen Staaten haben alle auch das höchste Bonitätsrating (AAA). Länder mit einer bisher guten Bonität wie die USA und Japan und einem schlechten Nachhalgkeitsrating scheinen dagegen in der aktuellen Krise mit fundamentalen Problemen zu kämpfen.

Somit wird deutlich, dass eine systematische Analyse von Ausfall- und Verlustrisiken durch ergänzende ESG-Kriterien in einer umfassenden Erfassung der Kreditrisiken wertvoll ist.

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